Gesangverein 1837 ist Treuchtlingens ältester Verein
06.07.2018, 06:02 Uhr
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Pünktlich um 19.30 Uhr kommen jeden zweiten Montag die Sängerinnen und Sänger des gemischten Chors zusammen. Chorleiter Thomas Erdinger bittet um Ruhe, die Mitglieder sollen ihren Platz einnehmen, es wird gesungen. Europäisch geht es beim Aufwärmen zu: „Wir feiern ein Fest der Freude“, bekannt als „Eurovisions-Melodie“, etwa vor dem gleichnamigen Musikwettbewerb, oder „Ode an die Freude“, von Schiller gedichtet und von Beethoven vertont.
Der Gesangverein 1837 ist Treuchtlingens ältestester noch bestehender Verein. Sein Ziel: traditionelles Liedgut zu sichern und eine Gemeinschaft zu bilden. Gegründet in einem Dietfurter Wirtshaus von einem Schulmeister (mehr zur Geschichte im Kasten links), führt die musikalischen Geschicke des Chors nun seit 19 Jahren Thomas Erdinger.
An diesem Montag sitzen ein gutes Dutzend Frauen und sieben Männer im Proberaum, jede Stimme an einem eigenen Tisch: Sopran, Alt, Tenor und Bass. Aktiv sind 25 Frauen und elf Männer regelmäßig dabei. Der gemischte Chor zählt 26 Sänger, der Neue Chor 18, wobei manches Mitglied in beiden Chören mitsingt.
Etwa 80 Lieder gehören zum Grundrepertoire. Für die Auftritte kommen dann etwa zehn Stücke ins Programm, die besonders intensiv geübt werden. Aktuell hat sich der Chor Klassiker von Udo Jürgens vorgenommen.
Doch auch die Mitglieder werden immer älter – zwei Drittel sind schon seit mindestens 20 Jahren dabei, schätzt die Vorsitzende Ulrike Lahm. Deshalb entschied sich der Verein, einen „Neuen Chor“ zu gründen, der auch so heißt. Statt des klassischen Liedguts werden hier englische Songs geträllert – was vor allem jungen Frauen gefiel, die dem Verein beitraten. „Wobei wir auch gern noch ein paar junge Männer hätten, die mitsingen“, sagt Erdinger. Denn der reine Treuchtlinger Männerchor musste bereits eine Gemeinschaft mit den Osterdorfern eingehen, weil beide sonst zu wenig Mitglieder haben. Die Gemeinschaft laufe gut, die Mitglieder würden aber trotzdem eher weniger, so der Chorleiter. Im Frühjahr und Sommer probt der Männerchor allerdings nicht, denn dann wartet für manche noch die Arbeit auf dem Acker.
Der gemischte und der Neue Chor machen hingegen nur eine zweimonatige Sommerpause. Bislang trafen sich die beiden Gruppen wöchentlich abwechselnd am Montagabend im Volkskundemuseum. Doch nun zieht der Verein mit seinen Notenblättern und den beiden Klavieren um ins Naturfreundehaus, wo die Proben im September starten. Nicht nur der bevorstehende Umbau des Museums war ein Grund für den Umzug, auch die Arbeitsleistung, die der Verein ebenso wie die sechs anderen, teils größeren Vereine dort erbringen mussten, war immer schwerer zu schultern.
Allgemein beklagt der Gesangverein die räumliche Situation. Früher sei es üblich gewesen, dass die Proben in den Nebenzimmern der Gaststätten stattfanden. Nun gibt es in der Kernstadt nur noch zwei fränkische Lokale mit Nebenräumen.
„Früher ist man bis drei oder fünf Uhr in der Wirtschaft geblieben und anschließend gleich in die Arbeit gegangen“, erinnert sich etwa Albert Lechner. Auch sei die Akustik weder im Museum noch im Naturfreundehaus optimal. Dennoch sei der Verein sehr glücklich, bei den Naturfreunden eine neue Heimat gefunden zu haben.
Wie wohl fast jedem Verein, macht die Bürokratie den Sängern zu schaffen. Denn jedes Lied, das sie öffentlich singen, müssen sie der Gema melden, die Tantiemen an die Inhaber der Urheberrechte ausschüttet. Um den Vorgang zu vereinfachen, ist der Verein Mitglied im fränkischen Sängerbund. Dafür zahlt er pro Mitglied einen jährlichen Beitrag – der Sängerbund übernimmt dann für drei öffentliche Auftritte die Abrechnung mit der Gema.
Nach der Sommerpause fängt schon die Vorbereitung auf die Weihnachtszeit an. Öffentlich ist der Chor dann an beiden Wochenenden der Treuchtlinger Schlossweihnacht zu sehen, wo er passende Lieder anstimmt. Danach gibt es ein paar Ständchen beim Neujahrsempfang der Stadt.
Die Männer dürfen schon früher ran, im November, beim Volkstrauertag auf dem Nagelsberg. Chorleiter Thomas Erdinger hat sich für das kommenden Jahr wieder einen Auftritt des Chors in der Stadthalle vorgenommen. Dafür proben die Mitglieder dann künftig im Natufreundehaus.
Wer auch im Chor mitsingen möchte, kann sich unter Telefon 09142/202286 bei Thomas Erdinger informieren oder natürlich hier auf der Website.
181 Jahre Geschichte
Die Weihnachtskonzerte sind wohl einer der Höhepunkte des Treuchtlinger Gesangvereins. Dazu passt es, dass dieser an Weihnachten gegründet wurde: Unter der Leitung von Schulmeister Georg Bachmann entstand der Verein am 26. Dezember 1837 im Lokal „Zur alten Post“ in Dietfurt. Schriftliche Unterlagen fehlen aus dieser Zeit, doch am 11. Juli 1887 feierte der Verein sein 50-jähriges Bestehen – wovon heute noch ein Notenpult aus Holz zeugt.
Der Verein entwickelte sich laut Chronik gut, stand in voller Blüte und zählte beim 75. Jubiläum 1912 über 150 aktive und passive Mitglieder. Durch den Ersten Weltkrieg wurde die Tätigkeit der Sänger vorübergehend unterbrochen und 1919 unter der Leitung von Karl Kleemann wieder aufgenommen. 1926 entstand ein gemischter Chor.
Zur 100-Jahr-Feier am 7. Juni 1937 wurde das Oratorium „Durch Nacht zum Licht“ aufgeführt, die Leitung hatte Lehrer Ottomar Webel. Der Zweite Weltkrieg erzwang einen erneuten Stillstand des Vereinslebens und brachte den Verlust der ersten Vereinsfahne aus dem Jahr 1864 mit sich.
Zwei Jahre nach Kriegsende, 1947, wurde der Gesangverein unter Regie von Albert Schwab mit beiden Chören wiedergegründet und neu aufgebaut. Etwa 100 aktive und passive Sängerinnen und Sänger engagierten sich. 1950 ließen sie eine neue Vereinsfahne anschafen.
Die Chronik beschreibt den Gesangverein in der Nachkriegszeit als kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt in Treuchtlingen. Das äußerte sich vor allem in den jährlichen Rosenmontagsbällen im „Bayerischen Hof“, der inzwischen abgerissen ist (heute Verwaltung der Firma Altmühltaler).
Mit einer Großkundgebung für das Deutsche Lied vor dem Rathaus wurde am 12. Mai 1962 das 125-jährige Bestehen begangen. Mitte der 1970er Jahre sangen 25 Frauen und 27 Männer. Am 21. Mai 1987 fand in der Mensa der Senefelder-Schule die 150-Jahr-Feier mit „glanzvollem Festkommers“ statt. In den Tagen darauf folgte ein Konzert des „Chors der Chorleiter“ sowie ein Gruppenkonzert der Sängergruppe Treuchtlingen, an dem über 15 Vereine mitwirkten.
Zudem gab es immer mal wieder Fahrten zu befreundeten Chören, etwa nach Italien und Finnland, sowie am 22. Januar 1995 eine Live-Radio-Sendung aus der Stadthalle. Im Jahr 2001 bestellte der Verein eine neue Fahne, die am 9. April 2005 geweiht wurde.